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APRIL - Neues aus der literarischen Kramkiste

Veröffentlicht am 06.04.2017

Schreiben am Neuen Roman: MEIN TÄGLICHER START

 

Viele Autoren spüren sie sicher immer wieder am eigenen Leibe: DIE VERZWEIFLUNG.
Bei mir überfällt sie mich fast jedes Mal wenn ich mich in den täglichen Prozess des Schreibens begebe. In den es mich eigentlich eher hineinzieht – eine Sache, gegen die ich mich nicht wirklich wehren kann.
„Ich muss jetzt schreiben“ sage ich oft zu meiner Frau. Ich könnte auch sagen: „ich möchte...“, oder: „ich sollte...“, oder neutral: „ich werde...“ - Doch nein, es hat in der Tat etwas Zwanghaftes, etwas, das einem keine Wahl lässt.

Ich setze mich also – in der Regel morgens direkt nach dem Frühstück – an den Schreibtisch. Alleine? Nein. Spätestens wenn ich den Rechner angeworfen habe höre ich das Schnurren von Tiewie, meiner Literaturkatzendame. „Beschäftige dich mit mir!“
Ihr Wunsch ist eigentlich ein Befehl, dem sie durch wiederholtes Rammen ihres Kopfes gegen meine Beine Nachdruck verleiht.
Natürlich werde ich meine frühmorgendliche Energie nicht mit Katzenspielereien vergeuden. Da Tiewie nicht locker lässt und inzwischen neben meinem rechten Bein sitzt, beim Schnurren noch einen Gang hochgeschaltet hat und mit der Krallen bewehrten Pfote begonnen hat, gemächlich aber nachdrücklich die Schutzwirkung von Stoffhosen gegen Katzenkrallen zu testen, fuchtele ich mit meiner Linken in Bodennähe in der Luft herum um die Kätzin von meinem Bein abzulenken. Es ist ein nur halbherziges Spielangebot, auf das sie für eine kurze Zeit einsteigt. Während meine Linke also mit der Katze beschäftigt ist klickt die Rechte mit der Maus (?) herum, um die benötigten Dateien auf dem Desktop in passenden Fenstern zu öffnen. Dann beginne ich, das am Vortag Geschrieben noch einmal durchzulesen um wieder in die Materie hineinzukommen.
Nach noch nicht einmal einer Seite – meine Hand wedelt noch immer vor Tiewie herum – spüre ich, diesmal am linken Bein, scharfe, unangenehme Nadelstiche. Hinunterblickend sehe ich der Katze in die schmalen grünen Augen. „Glaubst du ernsthaft, dass ich mich damit zufriedengebe?“, scheint sie zu sagen.

"Entschuldige, natürlich nicht."

Ich räume den halben Schreibtisch leer und hebe die schnurrende Fell-Rolle auf meinen Tisch , setze sie direkt links neben mir ab. Beginne mechanisch, mit der Linken Kopf und Hals zu kraulen während der Rest von mir versucht, Teil des inneren Films zu werden, der wieder in meinem Kopf ablaufen soll.
Nach einigen Minuten ist Tiewie meiner Kraulereien überdrüssig und rollt sich auf dem Tisch zusammen.
Meine Chance – ich ergreife sie!
Versuche, vom klebrigen Hier und Jetzt wegzukommen, abzuschalten und auf den Zug aufzuspringen, der mich in das Abenteuerland meiner Helden führt – zu KaWe und seinen Schülern, zu seinen mehr oder weniger merkwürdigen Kollegen, zu Harry, seinem Hausgenossen und musikalischen Freund. Und zu den Gestalten, die durch ihre „speziellen“ Persönlichkeiten dafür sorgen, dass auch das Verbrechen seine Chance bekommt.
Doch der Zug fährt erstmal ohne mich aus dem Bahnhof. Ich lasse mich jedoch nicht abschütteln, renne nebenher, versuche immer wieder, auf die hintere Plattform aufzuspringen…
Was dann gelingt, wenn ich meine Hände dazu gebracht habe, (erstmal) ohne Rücksicht auf literarische Qualität Handlung mit fliegenden Fingern in die Computertastatur zu klopfen, bei der dann das eine Wort das andere ergibt - hier wird jetzt nichts abgewogen, nichts geprüft, nur erzählt.
Richtig im Zug sitze ich, wenn ich meine Protagonisten ans Reden gebracht habe, sie sich gegenseitig etwas erzählen, erklären, sich streiten, weinen, fluchen oder lachen. Und während sich meine Geschichte weiter-denkt sehe ich aus dem Zugfenster in eine bunte Landschaft, und die Verzweiflung liegt längst im Graben hinter dem letzten Bahnhof.