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Reisebericht: LISSABON MIT DEM NACHTZUG (3)

Veröffentlicht am 06.08.2017

 

Dritter Teil: endlich Lissabon!

 

Der Wecker ist eingestellt für 6.30 Uhr, aber schon zehn Minuten vorher sind wir wach. Bloß nicht das Einlaufen in den Bahnhof verpassen! Nach dem Frischmachen ab in den Barwaggon: "Dos espressi, por favor." Vom Schlafwagenschaffner erfahren wir, dass es noch 20 Minuten bis zum Bahnhof Santa Apolónia sind.

Bahnhof Santa Apolónia - Endstation für den Nachtzug
Bahnhof Santa Apolónia - Endstation für den Nachtzug Nach dem Auschecken versuchen wir eine Travel Card für eine günstige
Benutzung von Metro und anderen Verkehrsmitteln zu besorgen, eine sogenannte
Viva Viagem Karte, was sich ein wenig schwierig darstellt. Nun ja, schließlich muss sich der Automat geschlagen geben.
Wir haben jetzt noch einige Stunden Zeit und diese nutzen wir, um zuerst mit Hilfe der Metro, dann nur noch auf unsere Füße angewiesen, zu dem berühmten, groß angelegten Platz
Praça do Comércio zu gehen, der mich ein klein wenig an Venedigs Markusplatz erinnert und direkt am Tejo liegt, welcher sich an dieser Stelle zu einer großen Bucht erweitert und viel eher an eine Meeresbucht als an einen Fluss erinnert.

 

Das "Gehen" durch die Stadt ist
allerdings eher beschwerlich, da wir die ganze Zeit unsere lästigen Rollkoffer hinter uns her schleppen müssen.Ein wenig neidisch schauen wir auf die vielen
Tuk-Tuks, kleine offene Vehikel, in denen die Touristen sich durch die Stadt chauffieren lassen, oder auch selber fahren, in den kleinen knatsch-gelben, etwas albern aussehenden Go-Cars.

PRACA DO COMMÉRCIO mit einem Tuk-TukPRACA DO COMMÉRCIO mit einem Tuk-Tuk

 

Ab und an schnurrte ein GO-CAR mit "selbst fahrenden" Touristen vorbei...Ab und an schnurrte ein GO-CAR mit "selbst fahrenden" Touristen vorbei...Gegen Mittag checken wir dann bei unserem Airbnb-Zimmer im Stadtteil Mouraria ein. Rafael, der Sohn der Vermieterin, empfängt uns freundlich und zeigt uns alles Wichtige. Nach einer kurzen Ruhepause geht es los zu einer weiteren Stadterkundung. Erfreut stellen wir fest, dass "unser" Stadtteil Mouraria nicht nur sehr lebendig wirkt, sondern auch ziemlich zentral liegt. Während der Erkundung fassen wir schon einige Unternehmungen ins Auge, die wir in den nächsten Tagen machen können. Was ich als etwas lästig empfinde an diesem Tag sind ein paar Leute, die aufdringlich betteln sowie die Männer, die mir am Rande der großen Plätze wie dem Rossio Drogen verticken wollen. Wie bescheuert muss man denn sein, hier für teures Geld mit Schuhcreme gefärbten Mist zu kaufen!- Aber auch als sehr freundlich und hilfsbereit fallen uns die Lissabonner auf.
Auf dem Weg nach Hause spendiert Wally jedem von uns noch einen Ginja, eine Lissabonner Spezialität, die so etwas wie ein "Aufgesetzter mit Kirschen" ist, und er kostet nur 1.20 Euro an einem stilvollen Ausschank, vor dem wir zusammen mit anderen Ginja-Liebhabern aus kleinen Plastikbechern den alkoholischen Gaumenschmaus verkosten. Kurz vor dem Einbiegen in unsere Straße kaufen wir noch ein paar Sachen für ein kleines Abendessen ein, dazu eine Flasche portugiesischen Rotwein aus der Region Alentejo.

Foto: Wally Raths
Foto: Wally Raths Die letzten Fotos an diesem Tag sind dann einige lustige Schnappschüsse von zwei Kindern die wir dabei überraschen, wie sie gerade von einem Apfelsinenbaum die Orange leuchtenden Früchte klauen, indem sie sich gegenseitig in die Baumkrone hieven. Das schlechte Gewissen der drei Ertappten bilden zusammen mit ihren lustigen Gesten eine amüsante Mischung.

 

Heute ist unser Ziel die Fahrt mit einer Straßenbahn der legendären "Linie
28", deren historische Fahrzeuge alle nicht jünger als Baujahr 1940 sind,
allerdings technisch gut in Schuss, und quer durch die ganze Stadt fahren.
Immer wieder während unseres Aufenthaltes in der Stadt werden wir sie auf
den Straßen sehen, wie sie keck, bunt und trotzig bimmelnd durch die engen
Gassen der Altstadt-Quartiere eilen - Hügel rauf, Hügel runter, Hügel rauf... Manchmal werden wir einen der jungen Lissabonner sehen, die auf dem Trittbrett gratis mitfahren, eng an den Einstieg gedrückt.

 

Als wir relativ früh am Morgen an der Start-Haltestelle an der Praça Martim Moniz ankommen, erwartet uns schon eine lange Schlange, die sich aber schnell abbaut, da die einzelnen Wagen zügig Die historischen Straßenbahnen quetschen sich durch die engen, kurvigen Straßen - manchmal scheinen es einfach zu viele zu sein...
Die historischen Straßenbahnen quetschen sich durch die engen, kurvigen Straßen - manchmal scheinen es einfach zu viele zu sein... aufeinander folgen. Wir steigen mit dem letzten Drittel der Schlange in unsere Bahn ein und stehen schließlich ziemlich zusammengequetscht beieinander. Das Festhalten in der heftig ruckelnden Bahn wird zum Geschicklichkeitstest, nicht für alle Mitfahrenden sind Handgriffe vorhanden. Ein ideales Betätigungsfeld also für Menschen, die andere um ihr Bares erleichtern wollen. Ich habe meine Geldbörse immer in einer sicheren Außentasche meiner Hose, da kann nichts passieren. Denke ich.

So schaukelt uns die alte Straßenbahn mit gefühlt (zu) hoher Geschwindigkeit durch die teilweise sehr schmalen und kurvigen Straßen von Alt-Lissabon, als neben mir Fahrgäste sehr eng nach vorne drängen. Wie viele Leute stopfen die denn noch in diese alte Kiste?, denke ich.

 

Plötzlich passieren mehrere Dinge gleichzeitig: Die Bahn hält an einer Haltestelle, zwei Frauen drängen sich nach vorne zum Ausgang und steigen hastig aus, mehrere Fahrgäste deuten auf ein schwarzes Lederportemonnaie, das in der Bahn neben dem Ausgang auf dem Boden liegt. Ich sehe, wie jemand das Teil aufhebt und den gerade Ausgestiegenen hinhält, denkend, diese hätten es verloren. Doch die beiden Frauen haben schon das Weite gesucht. Sie besitzen anscheinend schon alles, was sie auf ihrer kurzen Fahrt gesucht haben: 50,00 Euro aus meinem Portemonnaie, alles, was an Geld in dem Moment drin war. In MEINEM Portemonnaie. Unglaublich. Glücklicherweise ist sonst noch alles vorhanden gewesen, Ausweise und EC Karte haben die beiden Diebinnen nicht interessiert. Nun ja, ich muss es als Lehrgeld ansehen, und sofort wandert meine Brieftasche an eine andere, sichere Stelle.

Keine eigentliche Straßenbahn sind diese Elevadores, hier der E. do Glória. Sie befördern die Menschen die Hügel hinauf und hinunter.  
Foto: Wally Raths
Keine eigentliche Straßenbahn sind diese Elevadores, hier der E. do Glória. Sie befördern die Menschen die Hügel hinauf und hinunter. Foto: Wally Raths

Die Mittagspause verbringen wir in einem netten kleinen Restaurant, das einem Photographen gehört, Nuno Marcelino. Die ganzen Wände hängen voller alter und neuer Fotografien, von der einen Raumdecke hängen haufenweise Hüte herab, die Platzdeckchen für unser Essen bestehen aus alten Langspielplatte. Sehr interessant auf der Speisekarte liest sich ein Tapas-Gericht, das aus vielen Scheiben eines super leckeren Ziegenkäses besteht, der mit Mandelsplittern und Honig serviert wird, dazu sehr schmackhaftes frisches Brot mit eingebackenen Oliven. Ein Glas Rotwein gehört natürlich dazu, und zum Abschluss gibt es einen Espresso... so geht Verwöhnen!

Castelo de São Jorge
Foto: Wally Raths
Castelo de São Jorge Foto: Wally Raths Auf unsrem Weg liegt das Castelo de São Jorge, unsere Neugier siegt und wir kaufen Eintrittskarten für das riesengroße Burggelände. Was sofort auffällt ist die sehr positive, fast heitere Atmosphäre des gesamten Areals, für eine mittelalterliche Burganlage nicht unbedingt normal. Innerhalb der
Außenmauern befinden sich hell gestrichene, kleinere alte Häuser, mächtige knorrige Olivenbäume breiten ihre sehnigen Arme aus, Palmen recken an schlanken Stämmen ihre wuscheligen Haare in den Himmel, solide Steinbrücken führen die zahlreichen Besucher über dichten saftigen Rasen in die inneren Räume. Der schmale Weg auf den hohen, zinnenbewehrten Mauern führt um die ganze Anlage herum, der Blick auf die sonnenbeschienene Altstadt ist fantastisch.

Monument Padrão dos DescobrimentosMonument Padrão dos DescobrimentosDer Plan für den Abend ist ein Ausflug nach Belém wo wir uns die Torre de Belém ansehen wollen, den einzigen noch erhaltenen Teil der mittelalterlichen Befestigungsanlage des Tejo, sowie das Monument Padrão dos Descobrimentos , ein mächtiges Denkmal an die abenteuerlustigen Seefahrer, die Portugals Bedeutung als Seemacht begründet haben.

Torre de BelémTorre de BelémMit der U-Bahn und dann mit der S-Bahn geht es nach Belém, wo wir die Bahn verlassen wollen. Wollen, denn aus unerfindlichen Gründen fährt sie an diesem Bahnhof durch und hält erst im nächsten - wir müssen folglich die ganze Strecke zurücklaufen.
Fotografieren ist auch Arbeit, und so sind wir am Abend hungrig und beschließen, in einem modernen Restaurant, das an fast allen Seiten von Wasser umgeben ist, zu speisen. Der anschließende Weg nach Hause funktioniert dann glücklicherweise ohne Zwischenfälle.

 

Der Elevador de Santa Justa ist ein Bauwerk, bei dem ich sofort an den
Eiffelturm denke. Nein, Gustave Eiffel hat ihn nicht konstruiert sondern Raul Mesnier, aber er ist aus der gleichen Epoche, eine stählerne Konstruktion die so tut, als sei sie eine gotische Kirche. Dieser riesige Aufzug mit zwei großen Kabinen aus dem Jahre 1905 verbindet die
Baixa (Unterstadt) mit dem höher liegenden Chiado Viertel. Die Aussicht von oben ist großartig - auf die Burg São Jorge, auf die modernen Stadtteile mit ihren Hochhäusern, auf die eng gestaffelten roten Dächer und das tiefblaue Meer. Das Chiado Viertel ist der Stadtteil der Eleganz, Modegeschäfte, Einrichtungshäuser, Schmuckgeschäfte - und das A Brasileira, ein 1905 gegründetes Café, in dem Anfang des 20. Jahrhunderts bekannte Literaten wie Fernando Pessoa verkehrten (dessen „Buch der Unruhe“ auch in meinem Bücherregal schlummert), der in Form einer Bronzefigur vor dem Café Wache hält. Dort einzukehren ist für uns natürlich ein Muss.
Das Café A BRASILEIRADas Café A BRASILEIRAAm Abend dann ein gemütlicher Bummel durch die Altstadt bei durchaus gemäßigten Temperaturen und Sonnenschein. Erste Station ist ein Fischrestaurant, dessen Gäste fast ausschließlich Portugiesen sind, dort wird wirklich nur gegessen, preiswert und gut - nichts, um gepflegte
Konversation zu treiben oder mit Freunden einen Wein zu trinken - es ist laut, eng und... lecker. Wir bestellen beide eine gegrillte Dorade, das kühle Bier passt gut dazu.
Mit angenehm gefülltem Magen dann ein Gang ans Meer zur
Praça do Comércio, wo eine riesige Bühne aufgebaut worden ist und morgen ein großes Schwulen- und Lesbenfest gefeiert werden soll, wie uns das Internet verrät. Etliche Paare scheinen schon eingetroffen zu sein, wie wir auf den Straßen sehen können. (Während ich jetzt am Abend diese Zeilen schreibe ist in der Wohnung über uns schon eine Frauenparty im Gange, das lautstarke Getrappel und Geklacker von hohen Absätzen und die Musik bezieht uns ungewollt in ihre Feier ein. Wenn nur die Musik besser wäre...)

 

"Unser" Mouraria-Viertel. Wir wohnten 50m weiter."Unser" Mouraria-Viertel. Wir wohnten 50m weiter.Zwischenbemerkung:
Erst nach einigen Tagen realisieren wir, dass unser Viertel mit seinen Nebenstraßen und -gassen sehr viel Atmosphäre besitzt. Das kleine Lebensmittelgeschäft, in dem wir meistens einkaufen, gehört einem Inder, gelegentlich gehen bunt gewandete Familien die Straßen entlang, und immer
herrscht tagsüber eine beachtliche Geräuschkulisse. Besonders eine kleine Bar fünfzig Meter unterhalb unseres Hauses tut sich dabei seit Beginn hervor, mit lautstarken Unterhaltungen zwischen der Familie des Inhabers und irgendwelchen Bekannten und Nachbarn, Gesprächen, die sich manchmal anhören, als wolle man sich gegenseitig an die Gurgel gehen. Heute Morgen in der Frühe beobachtete Wally von unserem kleinen Balkon ein Ereignis, das einigen der unten stehenden unfreiwilligen Beobachter wohl das Lachen in die Augen trieb. Was Wally erblickte als sie auf die Straße sah: Eine jüngere Frau, es war die Frau von der Bar, die ihrem kleinen Jungen die Hose herunter gezogen hatte und ihn über einen in der Straßenmitte befindlichen Gullideckel hielt, damit er in Ruhe sein Geschäft erledigen konnte. Während dieser Prozedur hatte sich eine längere Autoschlange gebildet, wartend und lachend.

Das Expo-Gelände der Weltausstellung von 1998 im Nordwesten von Lissabon sei ein sehr sehenswertes Areal, hat uns der Lissabon-Führer versprochen. Wir haben es uns heute für die zweite Tageshälfte vorgenommen. Zuerst aber wollen wir noch einmal etwas genauer die Alfama erkunden, ältester Stadtteil von Lissabon, der sich zwischen der Burganlage und dem Tejo erstreckt. Die meisten Häuser dort sind in ziemlich heruntergekommenen Zustand, genau so wie die in unserem Viertel Mouraria, aber für unsere Foto-Augen durchaus sehenswert.

Schnappschuss vom Flohmarkt am Pantenão National

Schnappschuss vom Flohmarkt am Pantenão National Strahlend weiß streckt sich die prächtige barocke Kirche Santa Engrácia dem blauen Himmel entgegen, ein Gebäude, das nie als Kirche genutzt wurde, sondern unter seinem aktuellen Namen Pantenão National als letzte Ruhestätte berühmter Persönlichkeiten verwendet wird. Direkt daneben hat ein breit angelegter Flohmarkt seine Pforten geöffnet und zieht uns mit seinem bunten Treiben in den Bann.
Unser Ausflug zum Expo-Gelände startet vom Kopfbahnhof
Santa Apolónia aus mit der Regionalbahn, Zielbahnhof ist der Bahnhof Oriente. Was für eine andere, futuristisch-moderne Welt! Das fängt schon bei der Architektur des Oriente an, setzt sich fort in dem riesigen, architektonisch Axpo-Gelände
Foto: Wally RathsAxpo-Gelände Foto: Wally Rathsausgeklügelten Einkaufszentrum, in dem wir auf einer kleinen Außenterrasse unser Mittagessen einnehmen, und endet in dem hochinteressanten und äußerst abwechslungsreichen Areal des ehemaligen Expo-Geländes, das sich mit einem Füllhorn von architektonischen Spielereien, Restaurants und Cafés darbietet, Seilbahn, Museen und Ausstellungen wie das Meeresaquarium Oceanario, damals ein Highlight der 98er Weltausstellung. Es ist ein Fest für unsere Fotografen-Augen, und die Zeit bis zum frühen Abend vergeht wie im Fluge.

 

Für die feierfreudigen Lissaboner und Touristen ist am Abend Party Time: Auf der großen Bühne an der Praça do Comércio sind die Gipsy Kings angekündigt. Um zehn Uhr soll das Konzert losgehen, doch schon vor Sonnenuntergang scheint die halbe Stadt auf den Beinen zu sein, viele von ihnen sind dem Augenschein nach Roma. Wieder werde ich auf unserem Bummel durch die Innenstadt mindestens zehn mal von jungen Männern unter vorgehaltener Hand angesprochen: „Sir - Haschisch? Marihuana? Kokain?“ Was habe ich nur an mir?
Und dann ist es endlich zehn Uhr, und die Band wird angesagt, auf Portugiesisch, auf Englisch, und der Platz ist zum Platzen voll. „Baila, baila...“ - die Party kann steigen!

Blick vom Castelo auf die Unterstadt
Blick vom Castelo auf die Unterstadt

 Vierter Teil „Lissabon - Teil 2“ im letzten Blog-Eintrag